Kindergeschichten

Eine meiner bisher noch unveröffentlicten Kurzgeschichten für Kinder: 

(Bild von Carsten Walper)

 

Amadeus, die musikalische Ratte

 

Der Musiker Sergio saß an seinem Klavier und raufte sich die Haare. In drei Tagen sollte er seinem Produzenten ein neues Lied vorlegen, doch er hatte absolut keine Idee. Jede Melodie, die er anspielte, gab es schon einmal. Es war alles nichts Neues!

Sergio stand auf, wanderte im Zimmer umher und schaute schließlich zum Käfig seiner zahmen Scheckenratte.

„Na, Amadeus, hast du nicht irgendeinen Einfall?“, fragte er die Ratte scherzhaft.

Amadeus rüttelte mit seinen Zähnen am Gitter, denn er wollte endlich raus, um seinen täglichen Rundgang zu machen. Es gab immer so viel zu entdecken – und seien es nur ein paar Brötchenkrümel unter dem Tisch. Sein Herrchen kümmerte sich allerdings gerade nur um sich selbst und zog weiter griesgrämig seine Kreise im Zimmer.

„Ich brauche ein neues Lied, etwas absolut Neues!“, schimpfte er vor sich hin.

Die Ratte hatte inzwischen etwas besonders Köstliches entdeckt. Oben auf dem Klavier lag ein angebissenes Wurstbrot, das Sergio dort hatte achtlos liegen lassen. Wie wild rüttelte Amadeus am Käfiggitter. Ihm lief das Wasser im Maul zusammen, aber Sergio schien das nicht zu verstehen. Irgendwie musste er sich wohl selbst helfen. Vorsichtig drückte er gegen die Käfigtür, doch sie bewegte sich kaum eine Pfotenbreite. Nach eingehender Untersuchung stellte er fest, dass die Tür durch zwei Holzwäscheklammern abgesichert war. So machte er sich daran, diese zu benagen.

Währenddessen hatte Sergio sich wieder gesetzt. Müde schlug er die Hände vor sein Gesicht und stöhnte. Sein Kopf war leer, aber das konnte er dem Produzenten wohl kaum erklären. Er war so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass er nicht bemerkte, wie winzige Holzsplitter auf den Teppich flogen, weil Amadeus die Klammern bearbeitete. Als endlich die restlichen Stücke der Klammern hinunter fielen, drückte die Ratte mit ihrer Nase kräftig gegen die Käfigtür und diesmal schwang sie auf.

Mit einem Satz sprang Amadeus auf den Boden, reckte und streckte sich und trippelte schließlich zum Klavier. Dann krallte er sich fest in den Klavierhocker, auf dem Sergio saß und kletterte langsam hinauf. In diesem Moment stand der Musiker auf. Mit großem Entsetzen sah Amadeus allerdings, dass Sergio das Wurstbrot in der Hand hielt und auch noch herzhaft hineinbiss.

Aber so schnell gab Amadeus nicht auf. Er wollte sich diesen Leckerbissen schließlich nicht entgehen lassen! So zog er sich das letzte Stück auch noch auf den Hocker hinauf. Trotzdem konnte er aber immer noch nicht an die Hand herankommen. Ihm fehlten einfach ein paar Nasenlängen.

Sergio grübelte unterdessen über einer Melodie, die ihm in den Sinn kam. Gedankenverloren summte er vor sich hin und dirigierte er im Takt dazu mit seiner Hand – ausgerechnet der Hand, die das Wurstbrot hielt. Amadeus folgte mit seinen Augen. Dann riss er seinen Blick los und schaute sich nach einer Möglichkeit um, es zu erwischen. Das Klavier war höher als der Hocker. Wild entschlossen hüpfte Amadeus auf die Tasten, mal nach links, mal nach rechts, denn Sergio schwang das Brot genau vor seiner Nase in der Luft herum.

Da griff Sergio ganz plötzlich zu und hatte Amadeus gepackt.

„Das ist es, Amadeus, das ist es!“, rief er begeistert. „Das ist eine wunderschöne neue Melodie! Du machst deinem Namen wirklich alle Ehre! Mein Amadeus Mozart! Mein kleiner Komponist!“

Amadeus konnte sich jedoch nur wundern und zappelte wie verrückt, weil er endlich das Wurstbrot haben wollte. Das bekam er auch als Belohnung und ein extra großes Stück Wurst noch dazu.

 

 

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© Christel Hasse